Unterrichtsbesuche aus Sicht eines Schulleiters

Liebe unbekannte Lehrerin, lieber unbekannter Lehrer,

um einige Dinge zum Unterrichtsbesuch aus Schulleitersicht zu verdeutlichen, schreibe ich Ihnen heute einen kurzen, direkten Brief, da Sie sich auf Ihre Hospitation vorbereiten und vielleicht nicht wissen, was ein Schulleiter so denkt oder erwartet.

Wie Sie bereits wissen, gibt es sehr unterschiedliche Unterrichtsbesuche. Und wirklich aufregend, auch für mich, sind ausschließlich Examensstunden. Für den Rest der Hospitationen und auch für das Examen gebe ich Ihnen eine Beruhigung vorab: es geht nicht um Sie als Person. Es geht nur um Ihren Unterricht.

In einer großen Schule mit vielen Kollegen und mehreren Lehrkräften, die ausgebildet werden, schaue ich mir gerne und immer wieder Unterricht an. Es ist sogar meine Pflicht als Schulleiter.

Daher gehe ich mit einigermaßen festem Rhythmus in den Unterricht der Referendare und „hin und wieder“ in den Unterricht der anderen Kolleg/innen. Wie ich das auswähle? Wenn ich als Schulleiter Zeit habe, schaue ich im Plan, in welcher meiner freien Stunden gerade etwas Interessantes zu sehen ist. „Aber warum denn bitte ich??“ mögen Sie denken. Es hat keine Bewandtnis. Ich möchte gerne jeden sehen, kennenlernen.

Im Vorfeld sollten Sie wissen, was ich unter gutem Unterricht verstehe, worauf ich mich in meinem Besuch also beziehe. Das mag in jedem Bundesland, in jeder Schule anders sein. Wenn Sie nicht wissen, wonach ich Sie beurteile, dann fragen Sie mich im Vorfeld. „Haben Sie einen speziellen Blick/Beobachtungsbogen/Hintergrund, wonach Sie Unterricht beurteilen?“ – In der Ausbildungsverordnung oder einschlägigen Broschüren Ihrer Landesbehörde kann man als Schulleiter ja etwas finden. Ich habe einen Beobachtungsbogen, der meinen Besuchen zugrunde liegt. Zudem haben wir abgesprochen, was ich von Ihnen vor der Stunde erwarte. In der Regel wird das eine Verlaufsplanung sein, damit ich sehen kann, was Sie vorhaben.

(Heimlich sei verraten, dass man als Schulleiter vorab nur sehr kurz in diese Planung hineinschauen kann, da der Schulleiteralltag gut gefüllt ist.)

Dann ist die Stunde da und als Schulleiter freue ich mich, wenn ich sehe, dass das Lernen im Zentrum steht. Am wohlsten fühle ich mich, wenn Sie mich gar nicht weiter beachten, mich nicht einbinden und auch nicht unterrichtliche Vorkommnisse mich gerichtet kommentieren. Konzentrieren Sie sich lieber auf Ihren Unterricht.

Während des Unterrichts kann es vorkommen, dass ich aufstehe oder mit den arbeitenden Schülern spreche. Vielleicht fragen Sie sich zu Recht, was das soll. Schnell gesagt: ganz egal, wo ich sitze, ich sehe nicht genug. Daher schaue ich, was so geschrieben oder allgemein gearbeitet wird. Wenn ich dann mit Schülern spreche, dann will ich hören, woran sie gerade gedanklich arbeiten oder was sie schon jetzt gelernt haben. Ich erhoffe mir dadurch also einen noch besseren Einblick in die Lernprozesse der Schüler.

Sollte ich einmal aus Versehen aus dem Fenster schauen oder nachdenklich wirken, so kann das alles und nichts bedeuten: Vielleicht bin ich zufrieden, dass alles gut läuft und ich denke an irgendetwas anderes. Vielleicht überlege ich, welche Hypothesen ich zur Stunde haben könnte. Vielleicht ist der Ausblick einfach schön. Also noch einmal: schauen Sie lieber auf Ihre Schüler als auf den Schulleiter.

Nach der Stunde haben wir beide hoffentlich Zeit eingeplant, über die Stunde zu sprechen. Wenn ich einmal direkt nach Stundenende davonhetze, dann hat das so gut wie immer mit einem anderen Termin zu tun. (Sollte es zu Ihrer Stunde etwas Dramatisches zu besprechen geben, werden wir beide das bereits in der Stunde bemerkt haben.)

In der Besprechung gleichen wir Ihre Planung mit dem tatsächlichen Verlauf sowie Ihre Eindrücke, vor allem: Ihre Entscheidungen mit meinen Eindrücken ab. Natürlich nehme ich mir dabei heraus, Hypothesen über den Unterricht anzustellen. Es hilft, wenn Sie in unserem Gespräch gelassen bleiben. Denn weder ich noch Sie vertreten die eine Wahrheit und gemeinsam schauen wir, was in der Stunde gut war und was anders laufen könnte. Noch besser: wenn auch Sie sich (wie die Schülerinnen und Schüler) als Lernende/r verstehen und diesen kurzen Unterrichtsbesuch als einen Beitrag dazu ansehen.

Timo Off

www.timo-off.de 

 

Literaturhinweis:
Reichelt/Wenge:
Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben
Ein Leitfaden für Studium, Referendariat und Lehrerpraxis
1. Auflage 2017
Verlag Europa-Lehrmittel
ISBN 978-3-8085-2144-1

 

 

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