Wie man eine gute Lehrprobe hinbekommt

Okay, so einfach ist das natürlich nicht, das wissen wir ja alle, da muss schon vieles, wenn nicht alles passen.

Die Erwartungen der verschiedenen Ausbilder sind gleichermaßen komplex … wie transparent. Hoffentlich zumindest. Erwartet wird, dass der oder die Refi zum Ende der Ausbildung nachweisen kann, die vielfältigen Anforderungen, die an den Lehrerberuf in Unterrichtssituationen geknüpft sind, erfüllen zu können. Transparenz herrscht dahingehend, dass der Prüfling aufgrund der Arbeit in den Seminaren und aufgrund der vorherigen Hospitationsstunden weiß, worauf geachtet werden wird, zumal er in der Regel mehrere der Prüfungsausschussmitglieder aus seiner Ausbildung bereits kennt.

Die Kriterien für die Bewertung unterscheiden sich von Fach zu Fach, von Lehramt zu Lehramt und von Bundesland zu Bundesland. Unterschieden werden üblicherweise die drei Bereiche Planung, Durchführung und Reflexion des Unterrichts. Gemäß den relevanten Prüfungsordnungen wird üblicherweise der Durchführung das größte Gewicht beigemessen; die Planung und die Reflexion fließen mit unterschiedlichem Anteil ein, mitunter auch nur indirekt.

Die Qualität der Planung zeigt sich im Unterrichtsentwurf. Hier äußert sich der Referendar (die weibliche Form bitte immer mitdenken) zu den Bedingungen, unter denen der Unterricht stattfindet (Schülergruppe, eigene Person, Organisation und rechtlicher Rahmen), er verortet den Unterrichtsgegenstand im Lehrplan und begründet seine didaktischen Entscheidungen. Zum Teil bestehen Vorgaben hinsichtlich der zu verwendenden Kategorien, oft ist auch die Seitenzahl begrenzt. Der Lehrprobenentwurf macht den Unterricht für die Prüfungskommission vorstellbar, er generiert eine Erwartungshaltung, er wird häufig als „Visitenkarte“ bezeichnet.

Zu den Qualitätsmerkmalen der Durchführung: Es geht darum, die Planung umzusetzen, sich aber ein gewisses Maß an Offenheit zu bewahren, um angemessene Entscheidungen in spezifischen Situationen zu treffen: Aufgaben sind beispielsweise unklar formuliert, die Lerngruppe braucht nicht so lange wie geplant oder länger als geplant, fachliche Ungenauigkeiten führen zu Irritationen oder Unterrichtsstörungen treten auf.

Bezüglich der Reflexionskompetenz wird schließlich beurteilt, inwieweit der oder die Refi sich klar und strukturiert zum Unterricht äußert, ob er die relevanten  Beobachtungen fachsprachlich korrekt benennen und einordnen kann, ob er sinnvolle Alternativen aufzeigen und Nachfragen der Prüfungskommission zufriedenstellend beantworten kann. Ohne dass dies explizit so geregelt wäre, beobachtet man häufig, dass mit einer guten Reflexion die Note einer nicht ganz so guten Lehrprobe quasi „im Nachgang“ noch verbessert werden kann. Hintergrund ist die berufliche Realität von Lehrern: Wichtiger als die „perfekte Stunde“ ist die stetige Weiterentwicklung – die Kompetenz, den eigenen Unterricht selbstkritisch zu reflektieren und angemessene Schlussfolgerungen zu ziehen.

Und dann braucht man noch ein bisschen Glück.

G. Wenge

PS: Wer es genauer wissen will (und zu dem Thema gibt es ja noch einiges zu sagen), mag in seiner Lehrerbibliothek hier nachschauen:

Reichelt/Wenge:
Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben
Ein Leitfaden für Studium, Referendariat und Lehrerpraxis
1. Auflage 2017
Verlag Europa-Lehrmittel
ISBN 978-3-8085-2144-1

 

 

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Zur Notenfindung nach der Lehrprobe 

Es klingelt zur Pause. Geschafft – die Lehrprobe ist vorbei. Jetzt geht’s in das Büro der Schulleitung, dort wird gesprochen, verhandelt und schließlich eine Note gefunden. Dieser Nachgang zur Lehrprobe ist für die Referendarin oder den Referendar eine Blackbox, denn die Notenfindung ist nicht öffentlich. Was passiert hinter der geschlossenen Tür?
Doch von Anfang an: Unmittelbar nach dem Unterricht erhält der Referendar in der Regel ca. zehn Minuten Zeit für eine eigene, „interne“ Selbstreflexion: Welche Teile der Planung ließen sich gut umsetzen? An welchen Stellen gab es Probleme? Worin kann dies begründet liegen? Welche alternativen Vorgehensweisen sind denkbar? Für den Referendar geht es in dieser kurzen Zeit direkt nach dem Unterricht darum, mögliche Fragen der Prüfungskommission zu antizipieren und plausible Antworten darauf zu finden. Dies ist eine große Herausforderung, da zum einen die vermuteten Fragen selten genau mit den späteren, tatsächlichen Fragen der Kommissionsmitglieder übereinstimmen und die Antworten oder auch Lösungen, die der Referendar sich überlegt, nicht mit den Antworten und Lösungen der Kommissionsmitglieder übereinstimmen müssen.

Wie also sollte man vorgehen? Trotz dieser komplexen Anforderung besitzt man als Referendar eine Reihe von Anhaltspunkten:

Dem Referendar ist bekannt, nach welchen Qualitätskriterien die Lehrprobe bewertet wird. Zu den dort formulierten Kategorien (als Beispiele seien hier genannt: fachliche Richtigkeit, Aufgabenformate, Klassenmanagement und -klima, Strukturierung und Phasierung, Unterstützung der Schüler, individuelle Förderung, Lernerfolgssicherung) sollte er sich Gedanken machen, denn zu diesen Kategorien werden Fragen kommen.

Dem Referendar ist bekannt, worauf Hauptseminarleitung (pädagogische Leitung) und Fachseminarleitung (Fachleitung) in den Seminaren und in den Hospitationen besonderen Wert gelegt haben.

Der Referendar hat zum Ende seiner Ausbildung in aller Regel ein gutes Gespür und einen genauen Blick für gut gelingenden und auch für weniger gut gelingenden Unterricht entwickelt.

Nach dem Eintreten in den Besprechungsraum wird der Referendar (oder die Referendarin, bitte die weibliche Form immer mitdenken) üblicherweise gebeten, zunächst seine eigenen Eindrücke zu schildern, seine Selbstreflexion also zumindest zum Teil öffentlich zu machen, und erst danach Fragen der Prüfungskommission zu beantworten. Inwieweit der Referendar frei spricht oder aber selbst formulierte Leitfragen zur Strukturierung nutzt, ist typabhängig; eine generelle Empfehlung zu einer der beiden Vorgehensweisen ist nicht möglich. Wichtig für die Prüfungskommission wird sein, dass der Referendar Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden kann, dass er die Kernpunkte erkennt und, sollte es Probleme gegeben haben, alternative Vorgehensweisen laut andenken kann. Nur dann wird es ihm möglich sein, über die Reflexion noch Einfluss auf die Bewertung der Lehrprobe zu nehmen.

Nach der Beantwortung der Fragen verlässt der Referendar den Raum. Die Prüfungskommission berät nun über die Qualität der Planung, Durchführung und Reflexion des Unterrichts und entscheidet über die Note. Über den genauen Ablauf dieser Beratungen können über alle Bundesländer, Lehrämter und Prüfungskommissionen keine allgemeinen Aussagen getroffen werden. Bewährt hat sich in einigen Bundesländern zunächst ein Austausch über die Qualitätsmerkmale des Unterrichts und erst in einer zweiten Runde der Vorschlag einer Note. Ob innerhalb der Kommission Einvernehmen über die Note bestehen muss, ist von der Prüfungsordnung abhängig.

Nimmt das ein wenig Unsicherheit? Vielleicht. Hoffentlich.

G. Wenge
Buchhinweis:

Dr. Heiko Reichelt/Gerald Wenge:

Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben

1. Auflage 2017, Verlag Europa-Lehrmittel, ISBN 978-3-8085-2144-1

Reflexionskompetenz – was ist das?

Die Reflexionskompetenz sollte zum Ende des Referendariats wesentlich ausgeprägter sein als zu Beginn. Das verlangen die Ausbilderinnen und Ausbilder, das verlangen die Lehramtsstudierenden und späteren Referendare von sich selbst. Das ist im Lehrerberuf ausgesprochen wichtig. Die Rückmeldungen aus der Seminargruppe, von den Mentorinnen und Mentoren und von den Seminarleitungen unterstützen – hoffentlich – diese Entwicklung.

Die folgende Übersicht zeigt Entwicklungslinien einer gelungenen Unterrichtsreflexion über den Verlauf der gesamten Ausbildung.

  • Soll-Ist-Vergleich
    Die Unterrichtsreflexion vollzieht sich in einer Gegenüberstellung von Zielen, Planung, Durchführung und Ergebnis des eigenen Unterrichts. Abweichungen des „Ist“ vom „Soll“ sollen im Laufe des Referendariats zunehmend erkannt und benannt werden, ebenso wie mögliche Abweichungsursachen.
  • Beschreiben -> Bewerten -> Alternativen
    Auffälligkeiten des eigenen Unterrichts sollen zunächst wertfrei beschrieben und erst anschließend bewertet/ interpretiert werden. Schließlich sollten auch erste Alternativen benannt werden können.
  • Selbstbild – Fremdbild
    Das Selbstbild des Unterrichtenden vom eigenen Unterricht soll mit dem Fremdbild der Beobachter abgeglichen werden. Zunehmend sollte eine Angleichung von Selbst- und Fremdbild stattfinden.
  • Vom Subjektiven zum Objektiven
    Der Unterrichtende sollte zunächst subjektive Auffälligkeiten seines Unterrichts wahrnehmen und benennen, dann zunehmend objektive und theoretisch unterlegte.
  • Eine Sache – mehrere Perspektiven
    Der Unterrichtende sollte seinen Unterricht zunehmend aus mehreren Perspektiven betrachten, z. B. aus Sicht der Schüler, der Berufspraxis, der schulischen Anforderungen oder der Prüfungsanforderungen.
  • Von der vorstrukturierten zur individuellen Unterrichtsreflexion
    Anfänglich ist es hilfreich, sich bei der Unterrichtsreflexion an festen, vorformulierten Leit- bzw. Reflexionsfragen zu orientieren. Zunehmend sollte die Unterrichtsreflexion individualisiert sein, d. h. sich an den Fragen und Schwerpunkten orientieren, die dem Unterrichtenden besonders wichtig sind.

Schwierig, kompliziert, langwierig – unter anderem deswegen dauert die Ausbildung aber auch so lange. Es ist eben viel mehr als bloßes Handwerk.

G. Wenge

Buchhinweis:
Dr. Heiko Reichelt/Gerald Wenge
Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben
Ein Leitfaden für Studium, Referendariat und Lehrerpraxis
1. Auflage 2017
Verlag Europa-Lehrmittel
ISBN 978-3-8085-2144-1

 

Vor der Lehrprobe …

Ja, es stimmt: Lehrprobenzeit ist immer. Auch in den Ferien, denn Wochen, wenn nicht Monate vor dem entsprechenden Termin fängt man schon an zu denken und zu planen und zu verwerfen und neu zu planen. Aber wann was? Und wie konkret?

Die folgende Tabelle gibt eine grobe Orientierung darüber, wie sich eine Lehrprobe langfristig so planen lässt, dass negativer Stress … wenn nicht ausbleibt, dann doch minimiert werden kann. Die Übersicht zeigt, was zu dem jeweiligen Zeitpunkt vom Referendar oder der Referendarin getan werden sollte:

Zeitpunkt Tätigkeiten bei der Planung einer Lehrprobe
Drei Monate vorher
  • Vorüberlegungen anstellen, die ohne Konsequenzen wieder verworfen werden können
  • sich im Stundenplan orientieren
  • eine Klasse auswählen
  • einen Klassenraum reservieren
  • mögliche Unterrichtsgegenstände mit dem Mentor besprechen
Einen Monat vorher
  • Lerngruppe (ggf.) kennenlernen
  • didaktische Planung der Stunde bzw. der Sequenz anlegen
  • sich mit dem Mentor und/ oder Mitreferendaren über die didaktische Planung beraten
  • geeignete Methoden und zu nutzende Medien gegeneinander abwägen
  • mit der Anfertigung des Unterrichtsentwurfs beginnen
Eine Woche vorher
  • den Unterrichtsentwurf fertigstellen und abgeben
  • die räumlichen Gegebenheiten überprüfen
  • den Kontakt zur Lerngruppe intensivieren
Einen Tag vorher
  • den Raum vorbereiten (Sitzordnung, Smartboard, Plakate, Flipcharts und weitere Medien)
  • die Medien auf Funktion prüfen
  • einen eigenen Ablaufplan als „Stütze“ erstellen (beispielsweise in Form eines Spickzettels, z. B. auf Moderationskarten)
Eine Stunde vorher
  • elektronische Medien einschalten
  • alle Unterlagen so anordnen, dass auch unter Anspannung nichts vergessen werden kann

Deckt sich das mit Ihren, mit euren Erfahrungen?

Abgesehen von den unterrichtsbezogenen Planungen existiert ein weiteres Feld, das bei Referendaren, die kurz vor der Lehrprobe stehen, die Anspannung erhöht: Wie sollte man sich kleiden? Es gibt sicherlich von Schulform zu Schulform und von Schule zu Schule teilweise erhebliche Unterschiede, bewährt hat sich dennoch generell die Maxime smart but casual. Niemand aus der Prüfungskommission erwartet am Hals des Referendars eine Krawatte, niemand am Fuß der Referendarin Schuhe, auf denen sie nicht laufen kann. Es empfiehlt sich also nicht, sich zu verkleiden. Umgekehrt sollte man angenehme Kleidung tragen, die gepflegt aussieht und in der man sich wohl fühlt.

Eigentlich selbstverständlich – wenn da nicht die ganze Anspannung wäre.

G. Wenge

Buchhinweis
Reichelt/Wenge: Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben
Ein Leitfaden für Studium, Referendariat und Lehrerpraxis
1. Auflage 2017
Verlag Europa-Lehrmittel
ISBN 978-3-8085-2144-1

 

Wenn die Schulleitung hospitiert … quasi eine Fortsetzung

Große Aufregung: Die Schulleitung kommt in meinen Unterricht. Warum? Oft, weil ein Unterrichtsbesuch schlicht vorgeschrieben ist.

Steht eine Regel- oder Anlassbeurteilung einer Kollegin oder eines Kollegen an, geht die Initiative zum Unterrichtsbesuch von der Schulleitung aus: Die oder der Vorgesetzte (das Schulleitungsmitglied) kennt die von der Behörde gesetzten Fristen. Das Schulleitungsmitglied ist gehalten, die Eindrücke vom Unterricht auf einem standardisierten Beobachtungsbogen festzuhalten. Dieser Bogen dürfte der Lehrkraft*, die hospitiert wird, nur im Ausnahmefall bekannt bzw. nicht immer präsent sein, denn Unterrichtshospitationen im Zusammenhang mit Regel- oder Anlassbeurteilungen sind vergleichsweise selten.

* … was sich immer ein wenig nach Aircraft anhört („… until the aircraft has come to a final …“), aber dann doch eben einigermaßen lesbar ist. 

Die Fairness gegenüber der Lehrkraft gebietet es, ihr die Struktur des Beobachtungsbogens und die Beobachtungsschwerpunkte vorab zur Kenntnis zu geben. In Abgrenzung dazu kann die Frage, welche Lerngruppe an welchem Tag zu welchem Unterrichtsgegenstand besucht werden soll, als Aushandlungsprozess zwischen Vorgesetztem und Lehrer/in verstanden werden. So legitim das Ansinnen der Lehrperson sein mag, Unterricht zu einem bestimmten Thema in einer ganz bestimmten Lerngruppe zu zeigen, so verständlich kann umgekehrt das Interesse der oder des Vorgesetzten sein, Unterricht zu sehen, der in einer bestimmten Stufe, in einem bestimmten Fach oder in einer bestimmten Abteilung verortet ist. Die aktuelle und zukünftige Einsatzplanung der Lehrperson sowie bestehende Vorerfahrungen werden für diese Entscheidungen den Ausschlag geben.

Die Hospitation von Vorgesetzten gliedert sich in drei Phasen, die nachfolgend idealtypisch beschrieben werden:

Phase der Unterrichtshospitation Inhalte
Vorbesprechung ·        Der oder die Vorgesetzte erläutert der Lehrkraft den Anlass.

·        Der oder die Vorgesetzte schafft Transparenz hinsichtlich der Beobachtungsschwerpunkte und ggf. des einzusetzenden Beobachtungsbogens; er oder sie gibt Auskunft über die Erwartungen hinsichtlich der Unterrichtsqualität.

·        Der oder die Vorgesetzte und die Lehrperson vereinbaren gemeinsam einen Termin für die Hospitation.

·        Sie klären, welche Informationen über die Lerngruppe und/ oder den Unterricht vorab für den Vorgesetzten in welcher Form bereitgestellt werden sollen.

·        Die Lehrkraft informiert die Klasse über die anstehende Unterrichtshospitation und den Grund dafür.

Durchführung ·        Die Lehrkraft stellt der Lerngruppe den (in der Regel bekannten) Gast kurz vor.

·        Der oder die Vorgesetzte begrüßt kurz die Klasse.

·        Die Lehrperson blendet die Anwesenheit des Vorgesetzten aus.

Nachbesprechung ·        Der/Die Vorgesetzte und die Lehrkraft gleichen ihre Beobachtungen, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen miteinander ab.

·        Der Vorgesetzte teilt der Lehrkraft seine bewertende Einschätzung mit.

·        Der/Die Vorgesetzte informiert die Lehrkraft über den weiteren Umgang mit den Erkenntnissen aus dem Unterrichtsbesuch.

·        Der/Die Vorgesetzte ergänzt die Rückmeldung ggf. um Hinweise, die nicht explizit in die Beurteilung einfließen.

·        Der/die Vorgesetzte und die Lehrkraft vereinbaren weitere Schritte und Maßnahmen.

·        Die Lehrkraft gibt der Klasse eine kurze Rückmeldung zum Unterrichtsbesuch des Schulleitungsmitglieds.

Deutlich wird, dass die Schulleitung den Kollegen gegenüber Verantwortung nicht nur für die Bewertung, sondern insbesondere auch für die Beratung trägt. Welche konkreten Schritte fördern die Entwicklung, welche Fortbildungsmaßnahmen könnten angemessen sein? In welcher Stufe, Schulform oder Klasse wird er oder sie das vorhandene Potenzial in besonderer Weise entfalten können? Welche Funktionsstellen oder auch Leitungsstellen könnten im Rahmen der Personalentwicklung eines Tages in Frage kommen? Dies im Dialog mit den Kollegen zu klären, ist eine originäre Aufgabe der Schulleitung.

G. Wenge

Literaturhinweis:
Reichelt/Wenge:
Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben
Ein Leitfaden für Studium, Referendariat und Lehrerpraxis
1. Auflage 2017
Verlag Europa-Lehrmittel
ISBN 978-3-8085-2144-1

 

Unterrichtsbesuche aus Sicht eines Schulleiters

Liebe unbekannte Lehrerin, lieber unbekannter Lehrer,

um einige Dinge zum Unterrichtsbesuch aus Schulleitersicht zu verdeutlichen, schreibe ich Ihnen heute einen kurzen, direkten Brief, da Sie sich auf Ihre Hospitation vorbereiten und vielleicht nicht wissen, was ein Schulleiter so denkt oder erwartet.

Wie Sie bereits wissen, gibt es sehr unterschiedliche Unterrichtsbesuche. Und wirklich aufregend, auch für mich, sind ausschließlich Examensstunden. Für den Rest der Hospitationen und auch für das Examen gebe ich Ihnen eine Beruhigung vorab: es geht nicht um Sie als Person. Es geht nur um Ihren Unterricht.

In einer großen Schule mit vielen Kollegen und mehreren Lehrkräften, die ausgebildet werden, schaue ich mir gerne und immer wieder Unterricht an. Es ist sogar meine Pflicht als Schulleiter.

Daher gehe ich mit einigermaßen festem Rhythmus in den Unterricht der Referendare und „hin und wieder“ in den Unterricht der anderen Kolleg/innen. Wie ich das auswähle? Wenn ich als Schulleiter Zeit habe, schaue ich im Plan, in welcher meiner freien Stunden gerade etwas Interessantes zu sehen ist. „Aber warum denn bitte ich??“ mögen Sie denken. Es hat keine Bewandtnis. Ich möchte gerne jeden sehen, kennenlernen.

Im Vorfeld sollten Sie wissen, was ich unter gutem Unterricht verstehe, worauf ich mich in meinem Besuch also beziehe. Das mag in jedem Bundesland, in jeder Schule anders sein. Wenn Sie nicht wissen, wonach ich Sie beurteile, dann fragen Sie mich im Vorfeld. „Haben Sie einen speziellen Blick/Beobachtungsbogen/Hintergrund, wonach Sie Unterricht beurteilen?“ – In der Ausbildungsverordnung oder einschlägigen Broschüren Ihrer Landesbehörde kann man als Schulleiter ja etwas finden. Ich habe einen Beobachtungsbogen, der meinen Besuchen zugrunde liegt. Zudem haben wir abgesprochen, was ich von Ihnen vor der Stunde erwarte. In der Regel wird das eine Verlaufsplanung sein, damit ich sehen kann, was Sie vorhaben.

(Heimlich sei verraten, dass man als Schulleiter vorab nur sehr kurz in diese Planung hineinschauen kann, da der Schulleiteralltag gut gefüllt ist.)

Dann ist die Stunde da und als Schulleiter freue ich mich, wenn ich sehe, dass das Lernen im Zentrum steht. Am wohlsten fühle ich mich, wenn Sie mich gar nicht weiter beachten, mich nicht einbinden und auch nicht unterrichtliche Vorkommnisse mich gerichtet kommentieren. Konzentrieren Sie sich lieber auf Ihren Unterricht.

Während des Unterrichts kann es vorkommen, dass ich aufstehe oder mit den arbeitenden Schülern spreche. Vielleicht fragen Sie sich zu Recht, was das soll. Schnell gesagt: ganz egal, wo ich sitze, ich sehe nicht genug. Daher schaue ich, was so geschrieben oder allgemein gearbeitet wird. Wenn ich dann mit Schülern spreche, dann will ich hören, woran sie gerade gedanklich arbeiten oder was sie schon jetzt gelernt haben. Ich erhoffe mir dadurch also einen noch besseren Einblick in die Lernprozesse der Schüler.

Sollte ich einmal aus Versehen aus dem Fenster schauen oder nachdenklich wirken, so kann das alles und nichts bedeuten: Vielleicht bin ich zufrieden, dass alles gut läuft und ich denke an irgendetwas anderes. Vielleicht überlege ich, welche Hypothesen ich zur Stunde haben könnte. Vielleicht ist der Ausblick einfach schön. Also noch einmal: schauen Sie lieber auf Ihre Schüler als auf den Schulleiter.

Nach der Stunde haben wir beide hoffentlich Zeit eingeplant, über die Stunde zu sprechen. Wenn ich einmal direkt nach Stundenende davonhetze, dann hat das so gut wie immer mit einem anderen Termin zu tun. (Sollte es zu Ihrer Stunde etwas Dramatisches zu besprechen geben, werden wir beide das bereits in der Stunde bemerkt haben.)

In der Besprechung gleichen wir Ihre Planung mit dem tatsächlichen Verlauf sowie Ihre Eindrücke, vor allem: Ihre Entscheidungen mit meinen Eindrücken ab. Natürlich nehme ich mir dabei heraus, Hypothesen über den Unterricht anzustellen. Es hilft, wenn Sie in unserem Gespräch gelassen bleiben. Denn weder ich noch Sie vertreten die eine Wahrheit und gemeinsam schauen wir, was in der Stunde gut war und was anders laufen könnte. Noch besser: wenn auch Sie sich (wie die Schülerinnen und Schüler) als Lernende/r verstehen und diesen kurzen Unterrichtsbesuch als einen Beitrag dazu ansehen.

Timo Off

www.timo-off.de 

 

Literaturhinweis:
Reichelt/Wenge:
Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben
Ein Leitfaden für Studium, Referendariat und Lehrerpraxis
1. Auflage 2017
Verlag Europa-Lehrmittel
ISBN 978-3-8085-2144-1

 

 

Zehn Schritte der Unterrichtsplanung

… in Verbindung mit einer Unterrichtshospitation im Referendariat

Denn die Situation kennt man ja: In vier (fünf, sechs) Wochen kommt der Besuch, die Klasse steht inzwischen auch fest … doch wo soll man mit der Arbeit anfangen? Hier eine Art Guideline. Vielleicht hilft sie:

(1) Sich fachlich in den Themenbereich und in den Unterrichtsgegenstand einarbeiten

Nur wer in der Sache fit ist und wirklich „im Thema steht“, überzeugt. Zur Lektüre sollten nicht nur Schulbücher herangezogen werden, sondern auch Praxisquellen und wissenschaftliche Literatur.

(2) Die (bekannte) Klasse sorgfältig analysieren

Die Stärken, Schwächen und Besonderheiten (auch einzelner Schüler) sollten herausgestellt werden.

(3) Den Lehrplan analysieren und eigene kompetenzorientierte Ziele für die Unterrichtssequenz formulieren

Ausgehend von den rechtlich vorgegebenen Zielen und Inhalten des Lehrplans („Was soll wozu unterrichtet werden?“) wird das eigene Vorhaben auf der Makroebene konkretisiert („Was möchte ich mit dieser Unterrichtssequenz erreichen?“).

(4) Die zu unterrichtenden Inhalte in Breite und Tiefe auswählen und daraus eine Unterrichtssequenz gestalten

Vor dem Hintergrund der Ziele und nach dem Kriterium der Exemplarik (Das Typische/ Exemplarische eines Unterrichtsgegenstands soll inhaltlich abgebildet werden, nicht eine Ausnahme oder Randerscheinung) werden bestimmte Inhalte ausgewählt und zu einer Sequenz verbunden.

(5) Überlegungen zur Reihenfolge und Anordnung der Inhalte anstellen

Die Struktur des Unterrichts wird durch eine Einteilung in Unterrichtsabschnitte und gegebenenfalls bereits -phasen festgelegt; dabei ist aus lernpsychologischer Sicht grundsätzlich eine induktiv  angelegte Vorgehensweise (vom Konkreten zum Allgemeinen) zu bevorzugen.

(6) Überlegungen zu Methoden und Medien anstellen

Passende und die Schüler motivierende Methoden und Medien werden abgewogen und ausgewählt.

(7) Eine Phasierung der Unterrichtssequenz mit zeitlicher Planung vornehmen

Die Unterrichtsphasen werden sinnvoll abgegrenzt und benannt; zugehörige Zeitbedarfe sollten realistisch abgeschätzt werden.

(8) Einen relevanten Ausschnitt der Unterrichtssequenz für die Hospitationsstunde kriteriengeleitet auswählen; dazu eine didaktische Reserve mitplanen

Der gewählte Ausschnitt sollte mit besonderer Sorgfalt einer Mikroplanung unterzogen werden.

Zwischenschritt: Alle bisherigen Schritte (1) bis (8) auf Plausibilität und Passung überprüfen und gegebenenfalls Änderungen vornehmen

(9) Das Unterrichtsmaterial für die Klasse erstellen

Arbeitsblätter, Poster, OHP-Folien, Dateien für das Smartboard usw. werden sorgfältig gestaltet.

(10)  Den Unterrichtsentwurf verfassen

Erst wenn Makro- und Mikroplanung abgeschlossen sind, wird der zugehörige Entwurf erstellt.

Dieser komplexe Planungsprozess lässt sich kaum linear beschreiten, er erfordert meist einige Schleifen – und Beratung mit der Mentorin, mit Kolleginnen, mit Kollegen. Es ergibt sich z. B. durch die Wahl einer bestimmten Methode ein neues, interessantes Ziel, das sinnvollerweise mit angestrebt werden könnte – oder auch nicht, das wird sich im Dialog klären lassen.

Dann viel Erfolg! 

G. Wenge

Literaturhinweis:
Reichelt/Wenge:
Unterrichtsbesuche, Hospitationen und Lehrproben
Ein Leitfaden für Studium, Referendariat und Lehrerpraxis
1. Auflage 2017
Verlag Europa-Lehrmittel
ISBN 978-3-8085-2144-1